Die essbare Stadt – Landwirtschaft neu gedacht

Auf den Dächern der Stadt wurden überall Nutzgärten angelegt.

Bildinhalt mit AI erstellt

Wenn deutsche Landwirte darauf hinweisen, dass ohne sie unsere Teller leer bleiben, ist das nur die halbe Wahrheit. In einigen Teilbereichen unserer Versorgung sind wir massiv vom Ausland abhängig. Hier ist ein Lösungsvorschlag, wie wir die Versorgungslücke schließen können.

Wusstest Du schon, nicht einmal 20 Prozent der heimischen Obstsorten wie Brom- und Stachelbeeren, Birnen oder Kirschen stammen aus regionaler Produktion. Bei Äpfeln sind es weniger als 50 Prozent. Mich hat das sehr überrascht.


In Deutschland wird auf etwa 16,6 Millionen Hektar Landwirtschaft betrieben. Für Obst und Gemüse wird gerade mal gut ein Prozent der landwirtschaftlichen Fläche genutzt. Nimmt man die Kartoffeln dazu sind es 2,9 Prozent.


Insgesamt betrachtet, kann Deutschland sich zu 87% selbst versorgen. Fleisch und Getreide werden im Übermaß produziert und sogar exportiert. Für Gemüse & Co. müssen hingegen weite Transportwege, unkontrollierte Produktionsbedingungen und mangelnder Reifegrad in Kauf genommen.

Due Grafik zeigt zu wieviel Prozent der Selbstversorgungsgrad in den Deutschland für die einzelnen Nahrungsmittelgruppen gesichert ist.


Die Gründe für dieses Missverhältnis sind vielfältig. Eines davon ist der Mangel an ausreichender Produktionsfläche. Um den Bedarf an Fleisch zu befriedigen, müssen riesige Ackerflächen zur Futterproduktion verwendet werden. Auf etwa 60 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche Deutschlands wird Futter für unsere Nutztiere erzeugt.


Die ohnehin beschränkte Fläche wird durch Bautätigkeiten weiter dezimiert. Etwa 110 Hektar Grundfläche werden täglich versiegelt, wodurch auch landwirtschaftliche Nutzflächen verloren gehen. Weitere Anbauflächen werden jährlich durch Wind- und Wassererosionen vernichtet. Wo also können wir zukünftig unsere eigene Versorgung sicherstellen?


Landwirtschaft als Klimaanpassungsmaßnahme

Besonders Stadtbewohner kennen die Folgen von Hitzestau und überlasteter Kanalisation. Gepaart mit Miet- und Energiepreisexplosionen wird das Leben in der Stadt für viele kaum noch bezahlbar und zunehmend gesundheitsschädlich.


Trotzdem wächst die Zahl der dicht besiedelten Ballungszentren. Die meisten Menschen arbeiten in einer Stadt und wohnen entweder in ihr oder zumindest in ihrer Randlage. Wie also den wachsenden Problemen begegnen, die insbesondere durch die Bodenversiegelung entstehen?


Urban Farming – Alte Konzepte neu gedacht


Wissenschaftler weltweit betrachten die Begrünung von Dächern und Fassaden als eine der effektivsten Maßnahmen, um gleich mehrere Klimaphänomene effektiv einzudämmen. Begrünte Dächer wirken temperaturausgleichend, binden Feinstaub, erzeugen Sauerstoff und dienen als Wasserrückhaltung bei Starkregen.

Viele Kommunen schreiben deshalb bei Neubaumaßnahmen die Begrünung von Dächern vor. Die Auswahl der Begrünung bleibt meist den Nutzern überlassen. Warum also nicht Nutzgärten daraus gestalten? Was ist auf solch einem Dach möglich? Was sind die Vor- und Nachteile?


Die Idee des „Urban Farming“, also der Landwirtschaft in der Stadt, ist nicht neu. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war der Anbau von Feldfrüchten in der Stadt üblich. Mögliche Anbauflächen auf ebener Erde gibt es auch heute – leerstehende Hinterhöfe oder Industriebrachen.

1.In früheren Zeiten waren Obst- und Gemüseanbau in Städten gelebter Alltag – 2. Heute kehrt diese Form des Anbaus zunehmend zurück. – 3. Ehemalige Industriebrache in Berlin und die Veränderung zum Urban Garden (Prinzesinnen Garten Berlin)


Der größte Kritikpunkt ist die erhöhte Schadstoffbelastung durch die verunreinigte Luft in der Stadt. Wie sieht jedoch die Situation aus, wenn der Anbau in luftiger Höhe erfolgt? Nichts liegt näher, als diese Flächen auch für den landwirtschaftlichen Anbau von Gemüse, Obst und Co. zu nutzen. Die Vorteile sind immens, ökologisch wie auch wirtschaftlich.


Der Markt will regional

Nah, frisch, günstig – regionale Produkte haben viel zu bieten. Für rund 38 Prozent der Befragten in Deutschland ist der regionale Anbau ein Kaufgrund für Lebensmittel. Derzeit kann unsere Landwirtschaft diesen Bedarf nicht befriedigen. So werden Unmengen von Gemüse und Obst, quer durch Europa und aus der ganzen Welt nach Deutschland transportiert.


Ganz anders wäre die Situation, gelänge es, Flachdächer konsequent als Nutzflächen zu gestalten. Allein in Deutschland gibt es mehr als 1,2 Milliarden Quadratmeter Flachdachfläche – eine Fläche, die größer ist als 240.000 Fußballfelder.


Durch die Nähe zum Verbraucher werden lange Transportwege und damit Kosten sowie Emissionen minimiert. Lebensmittel kommen sehr frisch zum Verkauf und sind länger vermarktbar. Erntefrisch bedeutet: viel vitaminreicher und schmackhafter.


Gemüseanbau auf Dächern – mit dem richtigen Know-How umsetzbar

Mit rund 20 cm Spezialerde ist der Anbau verschiedenster Gemüsesorten und Früchte möglich. Etwas mehr Substrattiefe (28 bis 40 cm) benötigen Tomaten, grüne Bohnen und Beerensträucher.
Auch Gewächshäuser sind eine Option. Diese können mit Solarenergie oder der Abwärme der Gebäude ganzjährig genutzt werden. Für die Bewässerung eignet sich Regenwasser genauso wie gefiltertes Abwasser der Haushalte.


Da geht was: Salat, Zwiebeln, Kräutern, Zucchini, Auberginen, Kürbis, Kohl, Melonen oder Erdbeeren, ob unter freiem Himmel oder in einem Gewächshaus auf dem Dach – alles ist anpflanzbar – schon ein Balkonkasten bietet Optionen.


Umgekehrt erweist der Nutzgarten dem Gebäude gute Dienste. Die Bepflanzung bewirkt Kühlung im Sommer und Wärmedämmung im Winter. Die weichen Strukturen schützen vor Hagelschäden an der Dachabdeckung. Pflanzen tragen außerdem zur Verbesserung des Stadtklimas bei.


Natürlich sind die besonderen Anforderungen einer Pflanzenkultur auf einem Dach zu berücksichtigen. Hitze, Wind und Trockenheit als Stressfaktoren können auf Terrassen und Balkonen stärker wirken als im ländlichen Garten. Es gilt klimaangepasste Sorten auszuwählen und anzubauen.


Auch muss die Statik eines Gebäudes die zusätzliche Last aufnehmen können. Je nach Bepflanzung und Aufbau der Drainage erreicht eine extensive Begrünung eine Flächenlast von 50 bis 100 Kilogramm pro Quadratmeter. Im Vergleich dazu ist eine intensive Begrünung etwa dreimal so schwer.

  1. Extensive Dachbegrünung mit trockenheitsverträglichen Stauden – 2. die Nutzung eines Dachs als Gemüsegarten kann je nach Kultur einer extensiven oder intensiven Begrünung entsprechen

Für Neubauten sollte das zukünftig mitgeplant werden. Aber auch Flachdächer von Bestandsgebäuden können eine Last von 50 bis 100 Kilogramm pro Quadratmeter problemlos tragen. Eine weitere bautechnische Maßnahme, die für eine erfolgreiche Begrünung wichtig ist, ist die sichere Ableitung von Regenwasser. Dazu gehört der Aufbau einer Drainageschicht und ein Überlauf.

Grundsätzlich kann man beim „Urban Farming“ zwischen privater und kommerzieller Nutzung des Gemüseanbaus unterscheiden. Letztere findet auf Dächern entweder frei oder unter Glas statt.
Weltweit sind einige Länder deutlich weiter als Deutschland.

Großzügige Anbauflächen finden sich z.B. in Brooklyn und Chicago. In Deutschland gibt eine ganze Vielzahl von Beispielen im Bereich privater Nutzung. Ob Gemüseanpflanzung auf dem Balkon oder größere Gemeinschaftsgärten, wie die privaten Dachgärten in Karlsruhe.


1. Großzüge Dachanbaufläche in Brooklyn, Amerika 2. Dach des Technoseums in Mannheim, Der etwa 600 Quadratmeter große Schrebergarten ist dort Bestandteil einer Dauerausstellung, 3. Für eine reiche Ernte dürfen Bienen natürlich auch nicht fehlen.


Das Dach der Zukunft – Energielieferant und Anbaufläche


Ob im Kleinen oder Großen, privat oder kommerziell, Urban Farming hat viele Vorteile. Es bietet eine mögliche Antwort auf den Mangel an Ressourcen und landwirtschaftlichen Flächen. In Kombination mit Solarmodulen eröffnet gerade die Dachfläche völlig neue Nutzungsmöglichkeiten. Beides wird durch kommunale und staatliche Fördermittel noch interessanter.

Viele Kommunen und Städte unterstützen Maßnahmen zur nachträglichen Begrünung. Die Begrünung von Dächern und Fassaden wird häufig gefördert. Im Rahmen der Energiewende gewähren viele Städte, Landkreise oder Bundesländer Zuschüsse für Solaranlagen. Die staatliche Förderbank KfW vergibt außerdem zinsgünstige Kredite für Photovoltaik und Co.


Mein Fazit
In Zeiten mangelnder Agrarflächen und zunehmender Klimaprobleme ist es wichtig, alle Potentiale zu heben. Die Nutzung von Flachdächern als Anbauflächen bietet nicht nur eine nachhaltige Lösung für die Lebensmittelproduktion, sondern kann auch positive Effekte auf das Stadtklima haben.


Das darf nicht darüber hinweg täuschen, dass eine grundsätzliche Transformation unserer Landwirtschaft hin zu einer nachhaltigen dringend notwendig ist. Allein durch die Neugestaltung von Flächen können die Herausforderungen der aktuellen Landwirtschaft nicht überwunden werden.

Es braucht ein grundsätzliches Umdenken im landwirtschaftlichen Anbau, genauso wie eine Änderung im Konsumverhalten der Bevölkerung. Das Übermaß des Fleischkonsums und der damit verbundene Verbrauch von Ressourcen ist eines der Kernprobleme.


Die Fördermittel von staatlicher und kommunaler Seite könnten diesen Transformationsprozess unterstützen. Auf die Reise in eine bessere Versorgung müssen wir uns selbst begeben.


Ein Gedanke zu “Die essbare Stadt – Landwirtschaft neu gedacht

  1. Das ist ja der Hammer, was da alles möglich ist. Warum wird das nicht viel stärker in den Medien und auch von kommunaler Seite aus publik gemacht? Ein Problem sehe ich darin: Wie kommt man auf das Dach, wenn man sozusagen täglichn aufs Dach will. ‚Aber ich denke, das Problem wäre sicher zu lösen. Super Info, danke

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