
Am 27. Mai 2024 ist es wieder soweit, wir werden erneut einen Earth Overshoot Day (Erdüberlastungstag) erreichen. An diesem Tag wird die Menschheit alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht haben, die die Erde innerhalb eines Jahres zur Verfügung stellen kann. Ab dann leben wir alle auf Pump – zu Lasten einer lebenswerten Zukunft.
So wichtig diese Information ist, so sehr macht sie auch Angst. Sie suggeriert, dass eine dauerhafte Koexistenz Mensch und Natur nur durch Verzicht und Verlust erreicht werden kann. Infolgedessen fallen reflexartig große Teile unserer Bevölkerung in den Modus der Abschottung und der Resignation.

Anstatt nach Lösungen zu suchen, machen wir dicht. Dabei brauchen wir gerade eine Gesellschaft in Aufbruchsstimmung. Eine Gesellschaft, die bereit ist, neue Wege mitzugehen. Eine Wirtschaft mit der Fähigkeit zu visionären Ideen und dem Mut, diese umzusetzen. Weg von dem „immer weiter so“!
Umso überraschender ist es, wenn man weiß, dass viele Ideen und Lösungen längst existieren. Ja, mehr noch, sie werden bereits in die Tat umgesetzt. Sei es in Form von Produkten, Strukturen oder Gesetzen. Am Ende des Tunnels ist bereits Licht, aber der normale Bürger bekommt davon kaum etwas mit.

Für mich braucht es jetzt vorrangig Menschen, die diese Ideen und Wege an die breite Bevölkerung vermitteln. Die Mut machen, weil Lösungen längst existieren. Die uns Hoffnung geben, dass die anstehenden Anstrengungen sich lohnen und in eine lebenswerte Zukunft führen.
Bending the Curve – eine Ausstellung macht Mut
Mut macht zum Beispiel die Ausstellung Bending the Curve im Frankfurter Kunstverein. In Kooperation zeigen hier das Frankfurter Senckenberg Naturmuseum, der Zoo Frankfurt und der Frankfurter Kunstverein, wie die Negativtrends im Ökosystem Erde gestoppt, ja sogar umgekehrt werden können.
Künstler, Wissenschaftler und Wirtschaftsunternehmen präsentieren Projekte und Produkte, die eine Abkehr vom Raubbau unserer Umwelt zeigen. Die Ausstellung beleuchtet eindrücklich die vielfältigen Handlungsmöglichkeiten, die in allen Teilen einer Gesellschaft gegeben sind. Das Beste daran ist, einige sind längst gelebte Praxis.
Lösungen aus der Wirtschaft – Der Baustoff der Zukunft ist recycelt.
Im Untergeschoss des Kunstvereins präsentieren verschiedene Unternehmen Alltagsgegenstände und Baustoffe, die zum größten Teil oder vollständig aus Recyclingmaterialien hergestellt werden. Das Ziel ist die sogenannte Kreislaufwirtschaft. Anstelle des Prinzips „kaufen – nutzen – wegwerfen“ werden Materialien nach Gebrauch neu aufbereitet und wiederverwendet.
Shards – Fliesen aus Bauschutt
Bis vor kurzem galt, abreißen und neu bauen ist günstiger als sanieren. In Folge entstanden riesige Müllhalden aus Bauschutt. Die junge Designerin Lea Schücking aus Kassel bedient sich dieser Materialien, pulverisiert Ziegelsteine und Glasmaterial. Aus den so gewonnenen „Rohstoffen“ kreiert sie neue Fliesen. Dabei gelingt es ihr zu 100 % auf Primärrohstoffe zu verzichten.




Verwandlung vom Abfall zum Designprodukt. Die einzigartig schönen Oberflächenstrukturen und Farben der Fliesen finden bereits begeisterten Einsatz in Hotels und Spa-Anlagen.
StoneCycling – Ziegelsteine aus Bauschutt
Wer an die Niederlande denkt, hat sofort wunderschöne Backsteinhäuser vor Augen. Das niederländische Unternehmen StoneCycling suchte nach neuen Wegen für eine ressourcenschonende Produktion der typischen Klinkersteine.
Abbruchabfälle wie Glas, Bauschutt, Betonund Ziegel werden auch hier pulverisiert, gemischt und gebrannt. Das steinähnliche Material ist sowohl für innen als auch für außen geeignet. Je nach Produkt gelingt es, zwischen 60 und 100 % der Rohmaterialien aus Recyclingabfällen zu gewinnen.



weitere Beispiele, die nachhaltiges Bauen möglich machen: eine Bodenplatte aus Recyceltem Glas von Magna Glaskeramik usw.
Die Rolle der Wissenschaft – vom Mahner zum Ideengeber
Klimawandel und der Verlust der Biodiversität sind längst als Begriffe in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Bereits vor Jahrzehnten mahnten Wissenschaftler aus aller Welt anhand von Modellen vor den Folgen unseres Handelns. Nach Jahren des Leugnens stehen wir heute vor den geschaffenen Tatsachen – Panik macht sich breit.
Der Klimawandel und seine Folgen drohen weite Teile der Erde unbewohnbar zu machen. Der Verlust an Biodiversität gefährdet weltweit Nahrungsketten, die Produktion von Lebensmitteln wird zunehmend schwieriger.

Anhand von Beobachtungen von Tierwanderungen können komplexe Zusammenhänge zwischen menschlichem Verhalten und Tierbestand verstanden werden. Dazu wurden tausende Tiere mit Minisendern ausgestattet.
Ihren Vorsprung an Wissen nutzte die Wissenschaft wiederum zur Suche nach möglichen Gegenmaßnahmen. Insbesondere die Bündelung der folgenden drei Maßnahmenpakete verspricht den Stopp bzw. die Umkehr der negativen Entwicklungen:
1. Schaffung großer Schutzgebiete und Renaturierung von Ökosystemen.
2. Nachhaltige Landwirtschaft.
3. Änderung unseres Ernährungsverhaltens in Richtung stärker pflanzenbasierter Ernährung.
Tatsächlich gelang es 2022 auf dem sogenannten Weltnaturgipfel in Montreal bereits folgende Ziele zu vereinbaren: Bis zum Jahr 2030 sollen 30% der weltweiten Land- und Meeresflächen unter Schutz gestellt werden. 30% der bereits degradierten (zerstörten) Land- und Meeresflächen sollen wieder renaturiert werden. Über 195 Nationen haben unterzeichnet.!

Darstellung zukünftiger Artenreichtum (tierisch und pflanzlich) im Vergleich:
grün = verstärkte Bemühungen um den Naturschutz durch nachhaltigere Produktion und nachhaltigeren Konsum – gelb = verstärkte Bemühungen um den Naturschutz bisher – grau = weitermachen wie bisher
2022 wirtschafteten 14,2 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe ökologisch. In Deutschland leben 1,58 Millionen Veganer (2 %) und 7,9 Millionen Vegetarier (10 %). Die Tendenz in beiden Fällen ist steigend. Dementsprechend fiel der Fleischkonsum in Deutschland innerhalb von vier Jahren von 61,1 kg auf 52 kg pro Verbraucher. Immer noch viel zu viel, aber die Richtung stimmt.


Das alles ist noch kein Grund zum Durchatmen. Es zeigt jedoch, dass wir das Wissen und die Mittel haben, eine positive Zukunft für alle zu ermöglichen. Womöglich zum allerersten Mal in der Geschichte der Menschheit. Denn klar ist auch: Die Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeiten muss zwangsläufig zu einem veränderten Umgang untereinander führen.
Forschung und Wissenschaft ermöglichen nachhaltiges Wachstum.
Habe ich nicht am Anfang gesagt, der Baustoff der Zukunft ist recycelt? Richtiger wäre gewesen: recycelt oder nachwachsend. Gerade in Zeiten von Bevölkerungswachstum und Wohnungsnot werden auch zukünftig neue Baustoffe benötigt.Platzmangel, aber auch die Erkenntnis, weniger Boden versiegeln zu wollen, zwingt uns, in die Höhe zu denken.
Stahl und Beton, bisher maßgeblich für die nötige Stabilität der Konstruktionen, weisen einen großen ökologischen Fußabdruck auf. Alternativen müssen her. 2017 wurde auf der Biennale in Seoul zum ersten Mal der MycoTree einem breiten Publikum vorgestellt.


- Stahl und Beton brauchen Unmengen von Energie zur Produktion 2. MycroTree)Bambus und Mycellenmaterial – Beiden Materialien sind nachwachsend und auch natürlich abbaubar.
Zum ersten Mal versuchte man, die Stabilität für Baukonstruktionen durch eine veränderte Geometrie anstelle durch die Stabilität der Rohstoffe zu erzielen. Dadurch wurde es möglich, nachwachsende Rohstoffe wie Bambus und Mycelkomponenten (Pilzgeflechte) als potenzielle Bauelemente einzuplanen.
Besinnung auf die Herkunft – Wie Kunst Leben verändern kann
Fernando Laposse ist gebürtiger Mexikaner und Künstler. Als er nach seinem Kunststudium in London in das ländliche Tonahuixtla zurückkehrt, ist die Gemeinde beinahe ausgestorben. Die Einführung von Hybridmais und die Abkehr von traditionellen Anbaumethoden hatten zu einer Vielzahl von Problemen geführt.
Bodenerosion und Missernten zwangen viele Bauern zum Aufgeben. Arbeitslosigkeit und Abwanderung waren die Folgen. Zudem hatte Mexiko 80 Prozent seiner klimatisch angepassten Maissorten verloren.
Laposse entschließt sich zu einem sozial-ökologischen künstlerischen Projekt, dass die Wiedereinführung einheimischer Maissorten zum Ziel hat. Innerhalb von nur vier Jahren gelingt es ihm, 50 Menschen in Arbeit zu bringen und sechs vom Aussterben bedrohte Maissorten wieder einzuführen.




Aus den farbigen Hüllenblättern des Mais entwickelt Laposse ein neues Material. Es findet unter dem Namen Totomoxtle Verwendung als Intarsien in Möbeln und Räumen. Die erfolgreiche Vermarktung schafft weitere Arbeitsplätze und motiviert zur traditionellen Landwirtschaft.
Im zweiten Schritt widmet sich Laposse der Renaturierung der Landschaft. Wieder ist es eine heimische Pflanze, die hier den entscheidenden Beitrag leistet. Auf ca. 120 Hektar pflanzen Laposse und seine Mitstreiter ca. 150.000 Agaven. Diese sind in der Lage, auf dem Felsen zu wurzeln und Wasser im Boden zu halten.


- Eine Hängematte gefertigt aus dem aus Agavenblättern gewonnenem Sisal 2. Fernando Laposse bei der Arbeit
Aus den Blättern der Pflanze gewinnt die Genossenschaft Sisalfasern. Diese werden eingefärbt und zu künstlerischen Skulpturen verarbeitet. Der Erlös fließt in weitere Projekte und sichert die Gemeinschaft. In Folge gelang eine komplette Transformation der örtlichen Gesellschaft.
Was ich für mich mitnehme
Dies ist nur ein Teil der gezeigten Exponate und Ideen, aber sie machen deutlich, auf wie vielen Ebenen bereits die Transformation der menschlichen Lebensweise vorangetrieben wird. Von uns wird dies oft zu wenig bemerkt, um daraus Kraft und Hoffnung zu schöpfen. Jeder und jede kann durch sein Handeln unsere Zukunft beeinflussen.
„Die Wirklichkeit geht nicht weg, indem wir sie ignorieren.“ – Zitat Robert Habeck. Mit bestechender Einfachheit bringt Herr Habeck auf den Punkt, was wir uns nicht erlauben dürfen. Wir dürfen nicht resignieren oder neue Wege ablehnen.
Dazu brauchen wir positive Nachrichten und Bilder, um die Kraft und den Mut aufzubringen, uns zu verändern. Was mir gerade Mut macht, ist eine frische Zahl aus einer weltweiten Befragung. Knapp 130.000 Menschen in 125 Ländern wurden befragt, was ihnen der Kampf gegen die globale Erderwärmung wert sei. Ergebnis: 69 Prozent können sich vorstellen, ein Prozent ihres monatlichen Einkommens dafür abzugeben!
Hättest du das gedacht? Wir sind doch klüger und handlungsfähiger, als wir es unter Umständen voneinander erwarten ;-).
Bending the Curve – Wissen, Handeln, [Für]Sorge für Biodiversität
13.10.2023 — 03.03.2024
Frankfurter Kunstverein
Steinernes Haus am Römerberg
Markt 44
D-60311 Frankfurt am Main
Öffnungszeiten:
Di-So: 11 – 19 Uhr
Do: 11 – 21 Uhr
Montags geschlossen
Dieses Mal schwere Kost. Danke für die Aufarbeitung der verschiedenen neuen Möglichkeiten, die es schon gibt. Hoffentlich werden auch immer mehr davon eingesetzt.
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