Ausländer rein – Ein Plädoyer für mehr Vielfalt 

Ein Schild auf dem steht: "Ausländer willkommen" steht auf einer Wiese

Klimaanpassung ist das Gebot der Stunde. Das gilt für Mensch, Tier und Pflanze. Wenn wir Artenvielfalt bewahren und fördern wollen, können wir dann die veränderten Rahmenbedingungen ignorieren?

Im Rahmen meines Blogs bin ich mittlerweile mit vielen großartigen Menschen in Austausch gekommen. Allen gemein ist die Sorge um unsere lebenswerte Zukunft. Die Zunahme der Wetterextreme und das rasante Artensterben zeichnen ein düsteres Bild. Hier geeignet Gegenmaßnahmen zu finden, ist Ziel aller Bemühungen.

Diesen Einsatz aufrecht zu erhalten, ist nicht einfach. Wir sind alle oft am Rande unserer Resilienz. Politik und große Teile der Bevölkerung sind nicht ausreichend bereit, Änderungen zum Eigenen Vorteil zu akzeptieren. Deshalb ist es wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen und Mut zu machen. Nur wer aufgibt, hat schon verloren. 😉

Aber an der einen oder anderen Stelle folge ich meinen Mitstreitern nicht. Spätestens wenn der Ruf nach ausschließlich heimischen Pflanzen laut wird. Natürlich müssen wir alles tun, um unsere Bestände zu schützen und zu fördern. Den generellen Ausschluss nicht heimischer Pflanzengattungen halte ich für falsch.

Eine Grafik zeigt die möglichen Veränderungen unseres Klimas mit und ohne Klimaschutzmaßnahmen.

Niemand kann zuverlässig voraussagen, wie sich das Klima in den nächsten Jahrzehnten verändern wird. Entscheidend wird sein, in welchem Umfang wir Klimaschutzmaßnahmen tatsächlich umsetzen.

Fakt ist, der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten. Wie schnell und wie dramatisch er sich gestalten, bleibt von unserer Bereitschaft abhängig, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Unabhängig davon erkennen wir, wie viele unserer heimischen Pflanzen bereits heute leiden. Viele sind krank oder fallen aus.

Niemand kann zurzeit seriös beantworten, welche Pflanzen dauerhaft in unseren Breitengraden gedeihen werden. Es gibt zahlreiche Feldforschungen, diese bilden den derzeitigen Zustand ab. Was geschieht, wenn das Klima noch wärmer, die Wetterextreme noch häufiger werden, können sie nicht reflektieren.

Unsere Wälder werden zunehmend Opfer der anhaltendenden Hitze, Tockenheit und Schädlingsbefall. Fichte, Kiefer, Eiche und Buche leiden genauso, wie die typischen Stadtbäume Linde, Kastanie usw. Um verlorene Bestände wieder zu ergänzen, müssen wir klimaresiliente Sorten finden. Aber für welches Klima genau?

Ich finde es wichtig aufmerksam und offen zu bleiben – beobachten und lernen. Besser ist es, die Veränderungen anzuerkennen und sich mit ihnen anzupassen. Wenn uns die Natur etwas lehrt, dann dass sie immer einen Weg findet. Der Verlust von Arten und die Übernahme der freigewordenen Lebensräume durch besser angepasste Lebensformen sind fester Bestandteil der Evolution.

„Nichts ergibt in der Biologie Sinn, außer man betrachtet es im Lichte der Evolution.“

Theodosius Dobzhansky

Was wir mit Sicherheit wissen: für jedes auf dieser Erde herrschende Klima gibt es bereits funktionierende Ökosysteme. Unseres nähert sich derzeit den Präriezonen der nordamerikanischen und eurasischen Steppe an. Das bedeutet, trockene, heiße Sommer im Wechsel mit nassen, strengen Wintern ohne schützende Schneedecke. Im Gepäck: Kälteeinbrüche, oftmals bis in den Spätfrühling sowie Extremwetter zu allen Jahreszeiten.

In Präriezonen völlig normal – Schönwetterphasen wechseln häufig mit Extremwetter

Was spricht dagegen, die dort vorherrschende Flora als potenzielle neue Nachbarn in unsere bisherige Pflanzenwelt zu integrieren? Sollen wir bereits etablierten Arten wie Echinacea, Mädchenauge (Coreopsis) und Rudbeckia wieder verbannen, weil nicht heimisch? Macht es nicht Sinn, das Nahrungsangebot für viele Insekten aufrechterhalten durch die Ergänzung mit “fremder” Kost?

Klar, nicht alle werden in der Lage sein, dieses Angebot zu nutzen. Hochspezialisierte Arten, wie mein kleiner Freund Mirko, können sich nicht schnell anpassen. Für sie müssen wir die heimische Vielfalt, wo immer möglich, bewahren und weitere schaffen. Trotzdem werden wir zwangsläufig weitere Arten verlieren, aber auch andere dazugewinnen.

Die Wildformen der Echinacea sind in der Prärie weit verbreitet. Viele Staudenarten aus diesen Regionen, könnten zukünftig das Nahrungsangebot unserer Insektenwelt ergänzen.

Ein schönes Beispiel ist die zunehmende Verbreitung der Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum). Früher ausschließlich im Mittelmeerraum vorkommend, wagt es sich mittlerweile regelmäßig über die Alpen. Möglich machen das die steigenden Temperaturen und das wachsende Nahrungsangebot.

Taubenschwänzen erreichen mit ihren langen Rüsseln den tiefliegenden Nektar von Röhrenblüten. Dazu zählen unsere heimischen Schlüsselblumen, Phlox und Flieder. Im Hochsommer findet es Nahrung beim in Verruf geratene Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii).

Ein Taubenschwänzchen (Falter) trinkt mit seinem langen Rüsselaus der Blüte eines Sommerflieders.

Als die ersten Taubenschwänzchen in Deutschland gesichtet wurden, glaubten viele, es handle sich um Kolibris. Macroglossum stellatarum sind Wanderfalter, die immer wieder aus dem Mittelmeerraum zu uns kommen und in zunehmender Zahl auch bei uns überwintern.

Meine Erfahrung ist, viele Gartenbesitzer wünschen sich durchaus einen nachhaltigeren Garten. Allerdings haben sie konkrete Vorstellungen von einem schönen Garten. Dieser ist in der Regel mit dem Bild üppig blühender Beetflächen verknüpft. Die Optik einer trockenen Hochsommerwiese passt nicht dazu.

Durch die Anreicherung der Wiesenbereiche mit Präriestauden wird der optische Aspekt in dieser Phase optimiert. Die Erweiterung des Nahrungsangebotes ist ein wünschenswerter Nebeneffekt. So kann es gelingen, mehr Menschen für naturnahe Wiesen zu begeistern. Für die Insektenwelt ist das 1.000 mal besser als der obligatorische Rasen.

Wenn wir gegen die Natur arbeiten, sind alle Bemühungen umsonst.

Welche Pflanzengattung am Ende unter den veränderten Rahmenbedingungen gedeiht, bleibt abzuwarten. Geduld und Demut zählen jeher zu den wertvollsten Eigenschaften erfolgreicher Gärtner. Sie arbeiten mit und nicht gegen die Natur. Dazu zählt, Rahmenbedingungen zu erkennen und eine entsprechende Pflanzenauswahl zu treffen. Die Natur macht es uns vor.

Entscheidend bleibt, die wachsende Versiegelung zu beenden und neue Grünflächen zu schaffen. So schaffen wir Raum für Vielfalt, die Lebensraum für möglichst viele Arten bietet. Heimische und Zugezogene. Die Balance eines funktionierenden Ökosystem müssen wir vertrauensvoll in die Hände der größten Gärtnerin aller Zeiten legen. Ich bin sicher, die Natur wird das bewältigen. Lassen wir sie machen.

Ein riesiges Frauengesicht ist komplett mit Gras bewachsen und schaut in den Himmel. Menschen klettern auf ihr nach oben zu einem Baum.

Ein Gedanke zu “Ausländer rein – Ein Plädoyer für mehr Vielfalt 

  1. Sehr gut, informativ und positiv (hoffnungsvoll) geschrieben. Jetzt verstehe ich auch, warum ich dieses zauberhafte Pärchen Taubenschwänzchen in unserem Garten diesen Sommer so häufig gesichtet habe 😉

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