
Der moderne Mensch verliert zunehmend den Bezug zur Natur – aber ohne sie kann er nicht leben
Selbstverwirklichung versus Klimaschutz. Wieviel Toleranz kann sich das überhitzte Deutschland noch leisten? Beobachtungen aus deutschen Gärten.
Der erste Kaffee morgens auf der Terrasse. Ich blicke in den Garten. Die Nacht hat wieder keine Abkühlung gebracht. Vögel und Insekten nehmen meine aufgestellten Wasserangebote dankbar an. Die flirrende Luft zeigt deutlich: es wird ein brüllend heißer Tag – schon wieder.
Mein Blick schweift in die Ferne. Sisal-Teppich ähnelnde Strukturen, wohin ich sehe. Das vertraute Samstags-Geräusch eines Rasenmähers. Mit deutscher Gründlichkeit ergreift mein Nachbar Peter die Chance und gibt seinem Rasen den Rest.
Klimawandel? verspottet mich das Grundstück direkt gegenüber. Smaragdgrün springt mich das perfekt geschorene Rasenstück meiner Nachbarin Annette an. Ihr Mähroboter rattert über das kleine Grundstück. Letzte Tropfen der nächtlichen Beregnungsorgie glänzen verräterisch im Sonnenlicht.



Bild Myriams-Fotos auf Pixabay Foto von Paul Moody Unsplash Bild Andreas auf Pixabay
So viel zum Bewässerungsverbot seufze ich. Ihre Ignoranz ärgert mich. Unsere Dorfpolizei hat anderes zu tun, als nachts auf Klimasünder Jagd zu gehen. Das nutzt sie gnadenlos aus. Unsere unterschiedlichen Einstellungen zu diesem Thema führen immer häufiger zu kontroversen Diskussionen. Soll ich deshalb einen Nachbarschaftskrieg führen?
So einfach kann Klimaschutz sein
Annette findet unsern Garten unordentlich. Üppige Rabatten mit strukturgebenden Gehölzen bestimmen das lebendige Bild. Mäandernde Wege führen zu schattigen Sitzplätzen. Anfang des Jahres gab es noch ein größeres Rasenstück. Ein Post auf Facebook besiegelte dessen Ende.

Der Kommentar meiner Tochter: „Vielleicht sollten wir auch?“ war überflüssig. Unser Rasen vollzog umgehend die Metamorphose zur Blühwiese. Kniehoch wiegen mittlerweile Margeriten und Lichtnelke mit den Gräsern im Wind. Mit dem Rasenmäher rasple ich noch Pflegegänge hinein – fertig!


Blühwiesen naturnah und ökologisch Lola genießt die kühle Wiese
Eben noch rannte meine kleine Mischlingshündin Lola im Affentempo über die kurz gemähten Streifen. Diesem Ausbruch an Lebensfreude folgte das obligatorische Wälzen – Hundewellness. Jetzt liegt sie in einer kleinen Kuhle inmitten der bunten Pracht – genießt die kühle Erde unter ihrem Bauch.
Parallelwelten
Es klingelt. Vor der Tür steht meine Nachbarin Annette. Ihr Zuchtrüde Wotan vorbildlich einen Schritt hinter ihr. Seine Zunge hängt bis zum Boden. Annette ist Personal Trainer und fleischgewordene Markenbotschafterin ihres Unternehmens. Trotz Laufdress – nicht ein Schweißtropfen! Eine Hybride aus Lara Croft und Bree van de Kamp aus Desperate Housewives.
Annettes Blick ist kühl: „Wir müssen reden!“ „Worüber?“ frage ich irritiert. Annettes Blick gleitet vielsagend in Richtung unseres Gartentors. Verständnislos blicke ich hinterher „Schaffst du das noch oder muss ich dir meinen Rasenmäher leihen?“ ihr Ton deutlich selbstgefällig.
Ich atme tief durch – friedliche Nachbarschaft verlangt Toleranz und manchmal Größe. „Stört dich unsere Wiese? Du, lass mich das kurz erklären. Wusstest du, wenn das Gras nur sieben Zentimeter höher stehen darf, verringert sich die Boden Erwärmung bereits um…“
Die Natur ist viel zu gefährlich
Weiter komme ich nicht. „Hör bloß auf mit diesem Öko-Geschwafel “ Annettes Ton klingt schrill „wieder so eine bescheuerte Ausrede für faules Pack!“ Wotan wirft sich zu Boden. Er wirkt verängstigt. Wir beide sind von diesem Ausbruch sichtlich überrascht. So habe ich Annette noch nicht erlebt. Aus Mitleid mit dem gestressten Tier erwäge ich einen Strategiewechsel.
„Hör mal Annette, ich sag dir doch auch nicht, wie Dein Garten aussehen soll! Mir gefällt´s und ich glaube deinem Hund könnte das auch gefallen. Sieh mal, wie Lola das genießt!“ Für mehr bekomme ich keine Gelegenheit. “Bist du komplett übergeschnappt?“ Annettes Köpersprache ist mittlerweile eindeutig bedrohlich. Weißt du nicht wie viele Zecken im hohen Gras lauern?“

Eine Zecke stark vergrößert – Bild Erik Karits auf Pixabay
Kurzfristig erscheint das monströse Bild einer “Werbe-Zecke” vor meinen Augen. Gänsehaut. Mühsam zwinge ich mich zurück in die Realität. “Komm schon Annette, klar gibt es Zecken. Aber dagegen helfen vorbeugende Medikamente.” versuche ich zu beruhigen. Großer Fehler!
„Ich werde meinen 10.000 Euro Rüden nicht vergiften, nur damit du weiter auf der faulen Haut liegen kannst.” kreischt Annette schäumend vor Wut. Wotan zerrt jetzt mit aller Kraft weg von unserem Haus. Annettes Körper verbiegt sich grotesk, während sie sich an unser Treppengeländer klammert. Zitternd beschließe ich den Rückzug anzutreten und schließe wortlos die Tür.
Die Hoffnung stirbt zuletzt – das ist gut so
Auf meiner schattigen Terrasse komme ich langsam zur Ruhe. Lola ist unbeeindruckt vom Lärm eingeschlafen. Nur das linke Ohr vollführt eine Art Tanz, um eine Fliege zu vertreiben. Einen weiteren Kaffee später schicke ich Annette eine WhatsApp: “Waren wohl beide nicht gut drauf?!🙄🤷♀️ Schwamm drüber! OK 😉?” Annette: “Ja war blöd. Hatte mich vorher über Frank geärgert😡🤧. Sorry 🥺”
Die Gelegenheit scheint günstig. Ich schiebe hinterher: “Schau mal, habe ich gerade auf der Seite von Dr. Rückert 🐶👨⚕️ entdeckt. Es gibt gut verträgliche Mittel gegen Zeckenbefall. 😃 🎉. Lass dich von einem Fachmann beraten” Ich warte auf eine Reaktion. Annette ist schon wieder offline.
Aus dem Augenwinkel beobachte ich Wotan. Er schlendert über Annettes Rasen. Plötzlich setzt er mit einer einzigen fließenden Bewegung über den Zaun. Pfeilgerade schießt er auf Lolas Liegeplatz zu. Mit einem Seufzer lässt er sich im hohen Gras nieder. Ich geh zurück ins Haus und tu einfach mal so, als hätte ich nichts gesehen. Ich könnte schwören, ich höre ihn lachen.
