Der Biber – Ökosystemingenieur mit der Lizenz zum Bauen

Ein Biber ist im Wasser eine Frucht

Wovon so mancher Bauherr nur träumen kann, Biber bauen ohne Feststellungsverfahren oder Baugenehmigung. Die Folgen sind vielschichtig. Warum wir diesem wilden Baumeister unsere Landschaftsgestaltung überlassen sollten.


„Wassermassen drücken auf Häuser und Deiche“ – „Banger Blick auf die Talsperre“ – „Keine Entspannung bei Hochwasser“. Die derzeitigen Schlagzeilen kennen nur ein Thema: Regen, Regen, und nochmals Regen.


Gerne möchte ich Petrus mal ordentlich die Leviten lesen. Nützen wird es nichts. Der Grund für dieses Wetterphänomen ist ein stark ausgeprägter Jetstream. Also ein schneller, bandförmiger Windstrom. Der lässt Tiefdruckgebiete wie auf der Autobahn durchrauschen und die Hochdruckgebiete haben keine Chance.

Grafische Darstellung zeigt den derzeitigen Verlauf des Jetstreams um die Erde


Der Jetstream lenkt gerade in dichter Folge Tiefdruckgebiet an Tiefdruckgebiet nach Deutschland. Anders als Waldbrände und Sturmfluten bringt Dauerregen uns langsam an unsere Grenzen. Mensch und Material werden bis zur Überlastung geprüft. Oftmals bleibt nur hoffen und bangen.

Grundsätzlich sind solche Wetterlagen typisch für milde Winter. Milde Winter galten noch vor ein paar Jahrzehnten als Ausnahmeerscheinung. Jetzt werden sie immer häufiger, genauso wie lange, trockene und heiße Sommer. Was heißt das für uns? Womit sollten/müssen wir rechnen? Wie können wir uns schützen?

Wie der Biber wiederherstellt, was der Mensch zerstört hat


Der Schlüssel zu einem besseren Umgang mit Überflutungen liegt oft in der Renaturierung. Es mag überraschend klingen, aber das Wiederherstellen natürlicher Flussläufe und Auen bietet eine nachhaltige Lösung. Renaturierungsmaßnahmen haben gezeigt, dass sie den Hochwasserschutz verbessern. Wasser wird zurückgehalten und der Boden durchlässiger.


In der Vergangenheit haben wir unsere Fließgewässer fast vollständig verändert – für Siedlungen, Essensproduktion, Energie, Wasser, Hochwasserschutz usw. Über 90 % unserer Flüsse sind begradigt, Äcker wurden verdichtet, Deiche haben Auen verdrängt. Jetzt schlägt die Natur zurück.


Dank dieser Politik der „Wasseraustreibung“ ist die Hochwassergefahr um satte 30% gestiegen. Sturm, Hagel, Überschwemmungen: Wetterextreme haben allein im Jahr 2023 Schäden in Höhe von 4,9 Milliarden Euro verursacht. Die meisten davon werden von Versicherungen nicht abgedeckt.

Gewässerbegradigungen ermöglichen hohe Fließgeschwindigkeiten. So verwandelt sich bei Hochwasser ein kleiner Kanal in einen reißenden Strom.


Was also tun? Wo Bäche sich winden, Moore Wasser aufnehmen und Hochwasser in die Landschaft abfließt, haben es Hochwasserwellen schwer. Durch Renaturierungen wird nicht nur der ökologische Zustand und die Attraktivität der Gewässer verbessert. Der Hochwasserschutz profitiert unmittelbar davon.


Deutschland begann in den 70er Jahren mit der Durchführung erster Renaturierungsprojekte. Damals ging es vorrangig darum, die ökologische Vielfalt zu erhalten oder wiederherzustellen. Die Maßnahmen waren aufwändig und teuer.

Typische Merkmale einer Auenlandschaft: bei Hochwasser verlagert der naturbelassene Fluss sein Bett. Es entstehen neue Seitenarme und Inseln, die von Zeit zu Zeit überflutet werden und dann wieder trockenfallen.


Ökonomische Überlegungen bereiteten den Weg, der Natur in gewissen Schutzzonen mehr Eigendynamik zuzugestehen. Eine dieser Maßnahmen war die Wiederansiedlung der Biber. Dies erwies sich als finanziell günstiger und positive Effekte waren deutlich nachweisbar.


Der Biber und die Auenlandschaft

Es ist 40 Jahre her, dass der einst ausgerottete Biber wieder im Spessart angesiedelt wurde. 18 Pionierbiber wurden ausgewildert, sorgfältig beobachtet und geschützt. Nicht zuletzt, um kostengünstige Lösungen für die Wiederherstellung der Hessischen Gewässer zu finden.


Ein Biber kann bis zu 1,30 m lang und zwischen 20-30 kg schwer werden. Wo immer möglich, bewegen sich Biber schwimmend oder tauchend fort. Für die Flucht und Nahrungssuche benötigt er eine Wassertiefe von 60-80 cm. Findet er diese nicht vor, beginnt er mit seinen Baumaßnahmen.


Die Biber bauen Dämme, um ihr Revier zu gestalten. Wasserfilternde Feuchtgebiete entstehen dabei fast nebenbei. Diese Auen retten uns vor Hochwasser, schaffen Raum für Tiere und Pflanzen und machen unsere Landschaft klimastabiler. Biber sind ökologische Architekten erster Klasse.

Ein großer Biberdamm in einem Waldgebiet.

Die Anpassungsfähigkeit des Bibers wurde völlig unterschätzt. Ein Biber gestaltet die Landschaft so lange um, bis sie seinen Bedürfnissen entspricht.


In den letzten Jahren haben die Biberzahlen in Hessen kräftig zugelegt: die Biberreviere haben sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. In der Wetterau sind die Nager an jedem Bach am Start. Infolge ihrer Bautätigkeiten steigen die Grundwasserstände. Eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht.


Der Biber, Held oder Problemfall?


Im Mittelalter wurden Biber wegen ihres warmen Fells und wohlschmeckenden Fleisch bis zur Ausrottung verfolgt. In dieser Zeit galt der Biber aufgrund seines geschuppten Schwanzes außerdem noch als „Fisch“ und durfte auch während der Fastenzeit verzehrt werden.

Eine mittelalterlische Zeichnung zeigt einen Biber.

Mittelalterliche Darstellung eines Bibers

Heutzutage führt die Zunahme der Population und das Auftauchen in den besiedlungsnahen Räumen zu Akzeptanzproblemen. Denn der Biber ist weit anpassungsfähiger als erwartet. Immer häufiger kommt es zu Konflikten mit umgebenden Nutzungen. Biberburgen werden mutwillig zerstört und Klagen häufen sich.


Der Einflussbereich eines Bibers erstreckt sich ca. 10 -20 m über den Rand eines Gewässers hinaus. Kein sehr großes Gebiet. Trotzdem führt das zu wirtschaftlichen Nachteilen in besiedelten Gebieten. Das betrifft das Umfeld von Kläranlagen, Sportanlagen sowie Äcker und Felder.


Je nach vorliegender Topographie entstehen neue, nicht vorgesehene Auenlandschaften. Bach und kleiner Flussläufe ändern ihren Verlauf. Die Umbaumaßnahmen eines Bibers können problematisch für den einen oder anderen Keller sowie weitere Naturschutzprojekte sein.

Mit den Umbaumaßnahmen leben lernen


Biber sind streng geschützt. Sie zu jagen oder ihre Burgen und Dämme zu zerstören, zieht empfindliche Geldstrafen von 50.000 € nach sich. Außerdem ist das Zerstören der Bauwerke sinnlos. Der Biber repariert die Schäden sofort. Die Tiere arbeiten unermüdlich und unglaublich effektiv.

Die Biberburg (Wohnraum und Schutzzone) muss von Wasser umgeben sein, und ihr Zugang liegt unter Wasser. Ein Biber kann einen Baum mit einem Stammumfang von einem Meter innerhalb einer Nacht fällen.


Umso wichtiger ist es, die Vorteile für die Allgemeinheit in den Fokus zu stellen. Der Biber lindert die Folgen des Klimawandels. Durch ihren Wasserstau helfen sie der Vegetation in trockenen Zeiten, ihr aufgeschichtetes Totholz dient als Rückzugsraum für Fische.


Sollten wir im Hinblick auf die sich häufenden Klimaphänomene den Gewässern nicht mehr Fläche geben? Mit festen Uferrandstreifen können viele Konflikte vermieden werden. Dies würde helfen, uns der Wasserrahmenrichtlinie der EU (WRRL) endlich anzunähern.

Gamechanger für die Umsetzung der WRRL – der Biber


Sauberes Wasser gilt als eines der kostbarsten Güter unserer Zukunft. Diesem Grundsatz folgt die Definition der Wasserrahmenrichtline der EU: „Wasser ist keine übliche Handelsware, sondern ein ererbtes Gut, dass geschützt, verteidigt und entsprechend behandelt werden muss.“
(Auszug aus der europäischen Wasserrahmenrichtline)

Grafische Darstellung Ist und Soll - Zustand Gewässer in Deutschland

Die Wasserrahmenrichtlinie 2000/60/EG vom 23. Oktober 2000 (WRRL) legte einen gesetzlichen Rahmen für den Schutz und die Bewirtschaftung des Wassers in Europa fest.


Ziel der WRRL ist die Erreichung bzw. der Erhalt eines guten Zustandes des Grundwassers und der oberirdischen Gewässer bis Ende 2027. Dies bedeutet:

  • für die Bäche, Flüsse und Stehgewässer die Erreichung des guten ökologischen Zustands bzw. Potenzials und des guten chemischen Zustandes
  • für die Bäche, Flüsse und Stehgewässer die Erreichung des guten ökologischen Zustands bzw. Potenzials und des guten chemischen Zustandes
  • für das Grundwasser die Erreichung des guten chemischen und mengenmäßigen Zustandes
    eine Verschlechterung des Zustandes der oberirdischen Gewässer und des Grundwassers ist zu verhindern


Derzeit verfehlt Deutschland diese Ziele deutlich. Auch wenn sich die Wasserqualität an einigen Flussabschnitten verbessert hat. Ende 2021 wurde gerade mal für 11,1 % aller hessischen Gewässer ein guter ökologischer Stand nachgewiesen. Gerade in Ballungsräumen wird das Grundwasser auf Grund hoher Nitratbelastungen als sehr schlecht eingestuft.

Gute Nachrichten, wie zum Beispiel die Rückkehr der Lachse in die Elbe, dürfen nicht über die generell schlechte Qualität deutscher Gewässer hinwegtäuschen.


Der Biber ist hier der Gamechanger. Eine ökologische Schlüsselart. An kleinen und mittleren Fließgewässern macht er sich nützlich und hilft, den guten ökologischen Zustand wiederherzustellen. Damit trägt er maßgeblich und kostengünstig zur Erreichung der Ziele der WRRL bei.


Bibermanagement – für Lösungen und Verständnis werben

Was sollen wir also machen? Natürlich die Ausbreitung des Bibers in Hessen feiern! Seine positiven Auswirkungen auf Flüsse und Auen sind nicht zu übersehen. Wo Konflikte auftauchen, sollten wir auf Lösungen setzen. Das ist Aufgabe und Ziel des hessischen Bibermanagements.


Einvernehmlichkeit wurde überall dort erzielt, wo die zuständigen Behörden angrenzendes Land gekauft haben. Diese Streifen werden mit entsprechenden Auflagen an Landwirte verpachtet. Geschädigte können sich von den Funktionsbeauftragten der jeweils örtlich zuständigen Forstämter beraten lassen.


Schlussfolgerung und eine offene Frage:

Die Rückkehr der Biber in Hessen ist mehr als eine Erfolgsstory für Naturfreunde. Es ist ein lebendiges Beispiel, wie die Natur sich regeneriert und dabei erstaunliche Vorteile für Mensch und Umwelt schafft. Es ist Zeit, sich zu fragen: Kann die Natur nicht unsere beste Landschaftsarchitektin sein?


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