Im Juni dieses Jahres wurde erstmals der Constructive World Award von Focus Online verliehen. Dieser Preis würdigt und fördert journalistische Beiträge, die sich durch zukunftsfähigen und lösungsorientierten Journalismus auszeichnen.

„Endlich“, möchte ich beinahe rufen. Der anhaltende Sensations- und Katastrophenjournalismus raubt mir immer mehr Energie. Es wäre eine Wohltat, wenn sich das ändern könnte. Besonders spannend finde ich, dass nicht nur Journalisten geehrt werden, sondern auch die Protagonisten und ihre Geschichten.
Schon während der Einreichungsphase wird deutlich, wie unfassbar viele Beiträge das Potenzial zum Preisträger haben. Denn, oh Wunder, täglich werden Lösungen für anstehende Probleme gefunden. Leider erfahren wir davon viel zu selten. Was liegt also näher, als diese Geschichten zu verfolgen und weiterzuerzählen? Hier kommt die Erste.
Ernst Götsch und die Revolution der Landwirtschaft

Die konventionelle Landwirtschaft steckt in einer Sackgasse. Ausgelaugte Böden und Resistenzen fordern einen immer stärkeren Einsatz von künstlichen Düngemitteln und Pestiziden. Die ökologischen und ökonomischen Konsequenzen sind nicht zu übersehen.
Es braucht Pioniere, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Einer dieser Vorreiter ist Ernst Götsch. Der Schweizer Agronom, Jahrgang 1948, lebt seit 30 Jahren in Bolivien. Sein Beitrag zur Landwirtschaft ist nicht nur innovativ, sondern auch wegweisend – die Einführung der syntropischen Landwirtschaft.
Die Herausforderungen der konventionellen Landwirtschaft
Bolivien, besonders im Westen des Landes, gilt als Kornkammer und produziert Soja für den weltweiten Viehfutterbedarf. Wo einst der Übergang zum Dschungel die Landschaft gestaltete, reichen nun endlose Felder und Graslandschaften bis zum Horizont. Weidelandschaften und Monokulturen bestimmen jetzt das Gesicht dieser Region.
Doch die intensive Nutzung von genmanipuliertem Saatgut, Pestiziden und anderen chemischen Mitteln hat zu einem Teufelskreis von Bodenermüdung und Resistenzen geführt. Die Bauern stehen vor dem Problem, immer mehr Spritzmittel einzusetzen, um die Produktivität aufrechtzuerhalten.
Der Ansatz von Ernst Götsch: Syntropische Landwirtschaft
Ernst Götsch hat sich entschieden, diesem Teufelskreis den Rücken zu kehren. Er setzt auf einen alternativen Ansatz – die syntropische Landwirtschaft. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff?
Die syntropische Landwirtschaft wird von Götsch selbst als „Landwirtschaft des Lebens“ bezeichnet. Verschiedene Pflanzenarten werden so angeordnet, dass sie sich gegenseitig unterstützen und voneinander profitieren. Diese Pflanzenvielfalt fördert nicht nur das Wachstum, sondern schafft auch komplexe Ökosysteme.

Mulch spielt dabei eine entscheidende Rolle. Götsch beschneidet regelmäßig seine Pflanzen. Überflüssiges darf am Boden verrotten. Ideale Bedingungen für Kleinstlebewesen und Bakterien. Basis für ein vielfältiges Bodenleben.
Die Erfolgsgeschichte von Ernst Götsch in Bolivien
Vor 30 Jahren übernahm Götsch im Auftrag 120 Hektar Land in Bolivien. Der Boden war durch Beweidung verarmt, und das Land war fast ohne Quellen. Sein Auftraggeber forderte ihn mit einer Wette heraus: Wenn es Götsch gelingt, erfolgreich Kakao anzupflanzen, kann er das Land behalten. Götsch nahm die Herausforderung an.
Ohne den Einsatz von Pestiziden oder künstlichem Dünger setzte er auf Mischkulturen. Wildkräuter zählen genauso zur Pflanzgemeinschaft wie Kulturpflanzen. Innerhalb kürzester Zeit herrschte auf seinem Land eine Artenvielfalt, vergleichbar mit dem natürlichen Urwald.

Der entstandene Mischwald sorgte für ausreichend Verdunstungsfeuchtigkeit. Die aufsteigenden Nebelwolken ließen es wieder regelmäßig regnen. Während einer großen Dürre regnete es nur über Götschs 120 Hektar. Schlussendlich kehrten auch die Quellen zurück.
Bereits nach fünf Jahre konnte Ernst Götsch seinen Kredit zurückzahlen. Die Erträge seines Kakaos waren mit denen der konventionellen Anbauweise vergleichbar. Die skeptischen Blicke seiner Kollegen wandelten sich in Respekt. Aus dem „irren Gringo“ wurde eine Ikone. Die benachbarten Bauern zogen nach, und heute erstrecken sich 1.000 Hektar Waldfläche um Götschs Farm.
Die Vision von Ernst Götsch für die syntropische Landwirtschaft
Ernst Götsch hat Großes vor: Seine Vision ist es, die syntropische Landwirtschaft weltweit einzusetzen. Dafür hat er eine Kooperation mit Großbauern gestartet. Aus einer kleinen Gruppe von 40 Teilnehmern wurden Tausend. Die Teilnehmer sind über WhatsApp vernetzt und tauschen Erkenntnisse und Tipps aus.
Die größte Herausforderung besteht darin, die richtige Pflanzengemeinschaft für die gewünschten Produkte zu finden. Diese müssen sich nicht nur positiv beeinflussen, sondern auch in den Erntezyklen zueinander passen.

Trotz Herausforderungen herrscht auf den Seminaren Aufbruchstimmung. Die Erfolge überzeugen mehr als alle Schwierigkeiten. Nachahmer finden sich mittlerweile weltweit. Die Botschaft ist klar: Die Tage für chemische Dünger und Pestizide sind gezählt!
Deutschland und die syntropische Landwirtschaft

Inmitten der fränkischen Idylle von Kleinsendelbach liegt der Hofverde. Ein Gemeinschaftsbauernhof, der sich den Herausforderungen des Klimawandels stellt. Lilli, Cori und Georg arbeiten an ihrer Vision einer zukunftsfähigen Landwirtschaft.
Der erste Erfolg des Projekts war die Umstellung von konventioneller zu ökologischer Permakultur-Landwirtschaft. Pestizide wurden aus dem Einsatz genommen. Durch Maßnahmen wie Mulch- und Gründüngungen wurde die Bodenstruktur verbessert. Der nächste Schritt war die Anlage eines Syntropischen Agrarforstes.
Das Team möchte nicht nur der Natur die Möglichkeit zur Regeneration geben. Ziel ist auch Menschen dabei unterstützen, ihr Entwicklungspotenzial zu entfalten. Bildung für nachhaltige Entwicklung, gesunde Lebensweise und bewusster Konsum stehen im Fokus.


Lilli, Cori und Georg leben ihren Traum von einer einer zukunftsfähigen Landwirtschaft.
Mit Veranstaltungen wie Feldführungen, dem alljährlichen Erntedankfest und gemeinsamen Kartoffelernten öffnet der Hofverde seine Türen für alle Interessierten. Sie beherbergen internationale „Workawayer“ in ihrer Gemeinschaft und fördern den Austausch von Erfahrungen. Als Multiplikatoren tragen diese so das gewonnene Wissen in die Welt hinaus.
Das Hofverde-Projekt in Oberfranken zeigt, dass nachhaltige Landwirtschaft auch in Deutschland möglich ist. Der Weg zu einer ökologisch resilienten Ernährung und einem bewussten, gemeinschaftlichen Lebensstil wird hier aktiv beschritten.
Fazit: Die Landwirtschaft der Zukunft ist syntropisch
Ernst Götsch eröffnet mit seiner syntropischen Landwirtschaft eine zukunftsfähige Perspektive. Er lädt dazu ein, sich von konventionellen Denkweisen zu verabschieden. Er fordert uns auf, eine Landwirtschaft des Lebens zuzulassen. Eine Landwirtschaft, die nicht nur den Boden, sondern auch die Zukunft unserer Erde ernst nimmt.
Um es mit seinen Worten zu sagen: „Wir müssen nicht den Planeten retten. Aber wir sollten darüber nachdenken, wie wir uns selbst retten können.“
Es tut so gut solche Nachrichten zu lesen. Beim Lesen ist mir eingefallen, dass früher hier in unerer Gemeinde es erstens viele kleinere Äcker mit unterschiedlichen Pflanzen gab, dass Kunstdünger und Pestiziede unbekannt waren und es schon allein durch die Vielvalt und den ständigen Wechsel der Pflanzen eine gesündere Weise war, den Boden nicht zu mißbrauchen. Hat damals keiner drüber nachgedacht, war einfach so üblich. Wie schnell hat sich das verändert.
LikeLike