Unkraut, Beikraut oder doch Wildkraut? – nomen est omen

Verschiedene Wildkräuter liegen auf einem Baumstumpf.

Wildkräuter sind begehrt, Unkräuter verpönt. Was aber genau ist ein Unkraut und was sind Wildkräuter? Zeit mal genauer hinzuschauen. 

Ist es nicht kurios? Ich sitze in einem angesagten Frankfurter Restaurant. Die Speisekarte wirbt mit frischer und regionaler Küche. Dem Zeitgeist angepasst gibt es ein vielfältiges vegetarisches/veganes Angebot. Der Wildkräutersalat spricht mich an – beim Preis muss ich schlucken.🙈

Die vollmundige Beschreibung: „Wildkräutersalat mit Beifuß-Croûtons an einer Sauerampfer-Holunderblüten-Vinaigrette. Dahinter verbergen sich Löwenzahn, Brennnessel & Co. Wildkräuter, die von vielen als Unkraut abgelehnt werden.

Zu Hause mit Vehemenz bekämpft, greift mancher Gartenbesitzer in dieser Location tief in die Tasche. Auch in der Gärtnerei kann ich mir ein Schmunzeln schwer verkneifen. Beobachte ich Kunden, die fassungslos vor Staudentöpfen stehen: „Schau mal, wie viel Geld wir bei der letzten Unkrautaktion weggeschmissen haben!“ 

Woran liegt es, dass wir die gleichen Dinge an der einen Stelle mit Missachtung strafen, um sie woanders zu begehren? Gibt es keinen Unterschied zwischen Wildkräutern und Unkräutern? Wann ist eine Pflanze ein Unkraut? 

Tatsächlich ist der Begriff „Unkraut“ kein Fachbegriff, sondern eine subjektive Bewertung. Das erkennen wir daran, dass „Unkräuter“ nur an Plätzen auftauchen, die von Menschen gestaltet werden. Gerne gepaart mit der Einschätzung, dass die Pflanze mehr Schaden als Nutzen anrichtet. 

Ursprünglich ist dieser Begriff im Ackerbau aufgekommen. Die Landwirtschaft ist ein wesentlicher Wirtschaftszweig und für das Leben der Bevölkerung zwingend notwendig. Gerade in der Vergangenheit war der Ernteertrag entscheidend für das Überleben in den Wintermonaten. Wildkräuter wurden als Konkurrenz zu den Kulturpflanzen gesehen. 

Zwei Welten treffen aufeinander. Die klassische Landwirtschaft duldet keine Konkurrenz um Wasser, Licht und Nährstoffe. Bio-Bauern schätzen die unterstützenden Eigenschaften von Wildkräutern.

Heute benutzen wir das Vokabular „Unkraut“, wenn eine Pflanze am falschen Platz wächst. Dabei muss klar gesagt werden: Die Einschätzung richtig oder falsch unterliegt der Beobachtung des Betrachters. Sie entspringt unserer persönlichen Bewertung von „schön“ oder „unattraktiv“. 

Im Allgemeinen schätzen wir kompakt wachsende Pflanzen. Wir lieben üppige Blütenfülle und frisches Grün. Wenn es lecker ist, prima. Gartenzeitschriften und Messen zeigen vorrangig Bilder von hochstilisierten Gärten. Ein schöner Garten soll immer top gepflegt aussehen.  

Top gepflegt, aber (fast) ohne Leben – Der Charme von Bauergärten – Pflanzenvielfalt, Augenschmaus und Lebensraum für Mensch und Tier.

Anders als ihre hochgezüchteten Verwandten sind die Blüten von Wildkräutern eher klein. Das Blattwerk ist häufig stumpf oder behaart. Sie nutzen jede Chance, sich zu verbreiten – wachsen sparrig, überlagernd oder schlingend. Diese Eigenschaften machen sie zu wahren Überlebenskünstlern und ja, manchmal lästig.

Die Kehrseite der Medaille

Zurzeit erleben wir das größte Massensterben von Insekten aller Zeiten. In den vergangenen 30 Jahren haben wir bereits 80 % unserer Biomasse verloren – Tendenz steigend. Erst mit dem großen Insektensterben wird uns langsam bewusst, welch entscheidende Rolle Wildkräuter für uns alle haben.

Die Zaunrüben-Sandbiene (Andrena florea) ernährt sich ausschließlich von ihrer Namensgeberin – Zaunrübe Bryonia dioica

Anders als ihre prächtigen Verwandten stecken sie vorrangig ihre Energie in die Bildung von Pollen und Nektar – alles, was Insekten benötigen.  Einige Insektenarten sind unmittelbar von einer einzigen Wildpflanzenart abhängig. Diese wiederum bestäuben unsere Kulturpflanzen. Das sichert unsere Existenz.

Nur die Harten kommen in den Garten … 

Zurück zum Wert der Wildkräuter: Pharmaindustrie und Ernährungswissenschaft haben längst das Potenzial der Wildkräuter entdeckt – höchste Konzentrationen von Mineralien, Vitaminen und Spurenelemente finden sich in ihnen. Viele Wildkräuter dienen als Basis zur Herstellung von Medikamenten. 

Bio-Bauern berichten, dass die Durchmischung der Kulturpflanzen mit Wildkräutern zu höheren, gesünderen und qualitativ besseren Ernten führt. Während alle Zierpflanzen im Garten unter den Hitzesommern leiden, kommen Wildkräuter ohne zusätzliche Wassergaben klar.  

Die kommenden Jahre werden uns vor große Herausforderungen stellen: Späte Fröste, Hitze, Wassermangel gepaart mit Starkregenereignissen schädigen viele Zierpflanzen. Der Verlust weiterer Insektenpopulationen wird den Ertrag von Obst und Gemüse minimieren. Für die meisten Wildkräuter sind Wetterextreme kein Problem.

Auch in trockenen Sommern ein erfreulicher Anblick – Blühwiesen. Wie sehe unserer Medikamentenversorgung ohne die Wirkstoffe der Wildkräuter aus?

Ist es nicht an der Zeit, Wildkräuter mit anderen Augen zu betrachten? Apropos, der Salat sieht nicht nur wunderschön aus – er ist auch Mega lecker. Ich genieße den Moment und den angenehmen Service. In Gedanken bin ich schon am nächsten Tag. Wenn das Wetter es zulässt, geht´s in den Garten. Ich bin gespannt, was ich für das Abendessen finde 😉!

Hast Du auch Lust auf Wildkrautsalat bekommen? Hier ein großartiges Rezept von Gabriele Hussenether:

WILDKRÄUTERSALAT MIT BROTCROÛTONS

ZUTATEN
für 2 Personen

Eine Mischung aus Wildkräutern 
Ca. 100 g (zwei Hände voll)

1 Teel. Dijonsenf
1 Eßl. Apfelessig
1 Eßl. Zitronensaft
3 Eßl. Haselnussöl
1 Eßl. Olivenöl
1 gute Prise Salz
Etwas Pfeffer aus der Mühle
1 Eßl. Honig
In Olivenöl knusprig gebratene Brotcroûtons

ZUBEREITUNG

Die Kräuter gut waschen und trocken tupfen.
Aus den Zutaten eine Vinaigrette zubereiten. Das geht am besten mit einem Pürierstab.
Die Kräuter mit der Vinaigrette gut und vorsichtig vermischen. Nochmals abschmecken. Ist der Salat zu bitter, etwas Honig dazugeben.
Die Weißbrotscheiben dünn mit einem Spritzer Olivenöl beträufeln und im Backofen goldbraun und knusprig backen.

Die Kräuter auf einen flachen Teller und die Croûtons darüber geben.
Ein pochiertes Ei passt prima dazu.
Mit Gänseblümchen, frittiertem Hirtentäschel oder Radieschen dekorieren.

Gut zu wissen

Selbst gesammelte Wildkräuter in der Küche sorgfältig aussortieren, alle groben Stengel entfernen. Die Kräuter in eine Schüssel mit kaltem Wasser geben. Der Sand und die Erde sinken auf den Schüsselboden. Den Vorgang so oft wiederholen, bis das Wasser frei von Sand ist.


2 Gedanken zu “Unkraut, Beikraut oder doch Wildkraut? – nomen est omen

  1. Hallo Daniela,
    es ist schon erstaunlich wie unterschiedlich Etwas wahrgenommen werden kann! Einerseits verpönt andererseits hoch geschätzt. (Un)Kräuter dürfen in meinem Garten bis zu einer gewissen Menge gerne ihre Schönheit entfalten. Bisher habe ich lediglich versucht Löwenzahn zu essen, doch der war mir zu bitter! Vielleicht sollte ich mal das Rezept ausprobieren…
    LG…Stephanie

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  2. Hallo Stephanie, Dein Garten ist für mich ein tolles Beispiel, wie man geschickt Zierpflanzen und Wildkräuter zu einer ansprechenden und wertvollen Gemeinschaft zusammen bringt. Zum Thema essbar: Ich habe mich anfangs über Blüten rangetastet. Die sind in der Regel milder als Blätter. Und mit Deinem eigenen Honig kann man perfekt nachsüßen 😉
    LG Daniela

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